Anfang der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts habe ich zum ersten Mal Chinesisch für Erstsemester unterrichtet – im Sprachlabor der Universität Heidelberg. An der Schule hatte ich pro Jahr zwei, oft sogar
drei Anfängerklassen. Die Einführung in die chinesische Aussprache ist das „A und O“ im Anfängerunterricht.

Meiner Erfahrung nach kann man SchülerInnen in drei Gruppen einordnen: Gruppe 1 – ein bis zwei SchülerInnen pro Klasse – spricht nach kurzer Zeit wie ein Muttersprachler, ihr Sprachtalent ist ein göttliches Geschenk. Gruppe 2 kann auf Dauer mit Intelligenz und Fleiß eine sehr gute Aussprache entwickeln. Gruppe 3 wird immer an der Aussprache arbeiten müssen.

Als LehrerIn können wir den Prozess steuern. Dazu müssen wir selbst an unserer Aussprache arbeiten und Kenntnisse in Phonetik und Kompetenz in der Aussprache-Didaktik haben.

Ich war deshalb zu Beginn meiner Lehrtätigkeit hellauf entzückt über das Büchlein „Chinesische Aussprache: Ein Lernprogramm“, 1980 erschienen im Ferdinand Dümmler Verlag Bonn, herausgegeben von Wei J. Chiao und Heinrich R. Kelz. Dem Klettverlag sei Dank wurde dieses Lernprogramm von Herrn Kelz und Frau Jin Ye-Gerke überarbeitet und 2009 unter dem Titel „Lóng Aussprachtraining“ neu herausgebracht.

Eine Fundgrube für LehrerInnen, die viele neue Erkenntnisse bringen kann! Für SchülerInnen gehen die Darstellung meiner Ansicht nach zu sehr ins Detail (Für Studierende ist das Training sinnvoll). Lehrkräfte können nach der intensiven Lektüre Aussprachefehler erkennen und angemessen korrigieren sowie Tipps und Lehrmethoden zur Aussprache entwickeln.

Ein Beispiel: Darstellung des 2. Tons in „Lóng Aussprachtraining“

Der 2. Ton ist der schwierigste Ton für Deutsche. Deshalb wird er bei Keltz/Ye-Gerke auch als letzter der vier Töne eingeführt.

1. Auf S. 31 im Buch gibt es eine Erläuterung:

„Beim genauen Hinhören wird man feststellen, dass die Tonhöhe am Anfang des 2. Tons ganz kurz nach unten geht, bevor man den Ton in die Höhe schwingen lässt. Das ist das eigentliche Geheimnis des 2. Tons (…)“.

Didaktische Konsequenz:
• Das kann der Grund dafür sein, dass viele Schüler den 2. und den
3. Ton verwechseln.

2. Auf S. 87 wird Tondauer und Intensität der Töne erklärt. Zusammenfassend:
• Tondauer: Der 2. Ton ist etwa 10% kürzer als der 1.Ton.
• Intensität: Die Intensität nimmt beim 2. Ton im Verlauf der Silbe zu.

Didaktische Konsequenzen:
• Es ist hilfreich, die SchülerInnen auf die unterschiedliche Tondauer aufmerksam zu machen – es kann ihnen helfen! Gleichzeitig verstehen sie, warum man Chinesisch auch flüsternd oder beim Singen verstehen kann (eine sehr häufige Frage der SchülerInnen!).
• Zu Beginn des Anfängerunterrichts wird die Tonhöhe oft mit einer Handbewegung unterstützt. Beim 2. Ton bewegt sich die Hand in die Höhe. Man kann die Ton-Intensität mit einer Geste so ausdrücken, dass man zur Darstellung des 2. Tons beide Hände mit den Handflächen zuerst auf Brusthöhe zusammenlegt, die Handflächen dann nach oben und gleichzeitig auseinanderführt – die Stimme wird dementsprechend stärker.

3. Auf S. 99 im Buch werden die tonalen Veränderungen durch den Einfluss des Akzents erläutert.
„Akzentuierte Silben mit dem zweiten Ton haben gegenüber nicht akzentuierten Silben mit dem zweiten Ton eine ausgeprägtere Tonhöhenbewegung (…).“

Didaktische Konsequenz:
• Für manche SchülerInnen mit einem guten Gehör kann es verwirrend sein, dass sich nun etwas ändert, wenn der Ton im Sprachverlauf nicht betont wird. Andere merken, dass nun im Sprachverlauf die Töne etwas abflachen. Konsequenz kann sein, dass sie nun die Töne vernachlässigen. Es kann helfen, auf diesen Punkt aufmerksam zu machen – ohne allerdings zu sehr auf die Theorie einzugehen. Stattdessen kann man zeigen, dass in den Sätzen unterschiedliche Betonung gesetzt werden kann, je nach Satzaussage.

4. Auf Seite 103 wird kurz der Einfluss der Satzintonation auf die Modifikation der Tonhöhenkontur und dem Tonhöhenverlauf verweisen.
„Wie die Grafik zeigt (…) wird aus einem steigenden Ton durch die fallende Tendenz der Satzintonation ein praktisch ebener Ton.“

Didaktische Konsequenz:
• Für die Lehrkraft ist es wichtig, diese Änderungen in der eigenen Aussprache nachzuvollziehen und sich gleichzeitig dieser Änderungen bewusst zu sein, zum Beispiel wenn sie SchülerInnen korrigieren.

Erwähnen möchte ich auch die Rezension des Buches von Cornelia Schindelin in Chun 25 2010 (S. 254 ff.), die ebenso voll des Lobes ist, allerdings aus Sicht einer Sprachwissenschaftlerin einige „Unschönheiten“ bemängelt. Auch sie kommt zum Schluss: „Auf alle Fälle ist es jedem Lehrenden, der chinesische Aussprache unterrichten soll oder sich in der Situation befindet, häufig die Aussprache von Lernenden korrigieren zu müssen, allerwärmstens an Herz gelegt (…)“

Ich biete bei meinen Workshops zur Didaktik und Methodik des Chinesischunterrichts auch einen speziellen Workshop zum Aussprachtrainung an.